Zähneknirschen und -pressen gehört zu den häufigen Zivilisationsleiden. Aber während sich z.B. Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen unmissverständlich bemerkbar machen, wissen gewohnheitsmäßige Zähneknirscher oft nicht einmal, dass sie ein Problem haben. Üblicherweise ist es dann der Zahnarzt, der bei einer Vorsorgeuntersuchung oder einer anderweitigen Behandlung den Verdacht auf Bruxismus – so der zahnmedizinische Fachbegriff – äußert.

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Was passiert bei Bruxismus?

Betroffene spannen – unbewusst oder halbbewusst – ihre Kaumuskeln an und pressen so permanent oder wiederholt die Zähne des Unterkiefers gegen die des Oberkiefers. Das geschieht mit einer Kraft, die ein Vielfaches der beim normalen Kauen auftretenden Belastungen ist. Häufig kommen noch mahlende Bewegungen hinzu, die die Zähne gewaltsam gegeneinander reiben. Während das Pressen geräuschlos ist, entstehen durch die Mahlbewegungen deutlich vernehmbare unschöne Knirschgeräusche.

Bruxismus kann tagsüber auftreten – dann handelt es sich in der Regel um ein halbbewusstes „Zähnezusammenbeißen“, also reines Pressen. Studien haben gezeigt, dass dieser Wach-Bruxismus überwiegend bei Frauen vorkommt. Der nächtliche Bruxismus ist dagegen vollkommen unbewusst und kann das gesamte Spektrum von Press- und Mahlbewegungen umfassen. Hier gibt es keine Geschlechterpräferenz, Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen.

Warum ist das Knirschen und Pressen ein Problem?

Achten Sie einmal darauf: Beim normalen Kauen haben unsere Zähne jeweils nur für Sekundenbruchteile Kontakt. Im Laufe eines Tages addiert sich das zu maximal 15 bis 20 Minuten „Kontaktzeit“ – während der restlichen Zeit bleibt die Kaumuskulatur entspannt.

Bei Bruxismus ist die Kontaktzeit der Zahnflächen oftmals auf mehrere Stunden täglich erhöht. Außerdem sind die beim Knirschen oder Pressen wirkenden ungebremsten Kräfte etwa zehnmal höher als beim normalen Kauen. Kaumuskeln sind die stärksten Muskeln im ganzen Körper – wir sprechen hier also von einem Druck, der mehrere hundert Kilogramm pro Quadratzentimeter Zahn betragen kann.

Auf die Dauer entsteht durch diese Überbelastung mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Spektrum von Schäden an der Zahnhartsubstanz, an der Kaumuskulatur und/oder am Kiefergelenk.

Wie häufig ist Bruxismus?

Die Häufigkeit bei Erwachsenen liegt bei 20 bis 30 % (Wach-Bruxismus) bzw. etwa 13 % (nächtlicher Bruxismus).[1] Bruxismus bei Erwachsenen wird von der Medizin als Bewegungsstörung klassifiziert und ist damit grundsätzlich behandlungswürdig. Allerdings gibt es unterschiedliche Schweregrade – eine Reihe von Betroffenen knirscht nur in besonderen Stressphasen, dann halten sich die Schäden in Grenzen. Dringend in Behandlung gehören dagegen die selteneren permanenten Knirscher mit bereits ausgeprägten Schäden an den Zähnen und evntl. auch am Bewegungsapparat. Bei MeinZahn behandeln wir im Schnitt fast täglich einen solchen Bruxismus-Patienten.

Kinder knirschen sogar noch ein bisschen mehr – Fachleute schätzen die Häufigkeit bei den Kleinen auf bis zu 40 %.[2] Aber: Im Kindesalter wird nächtliches Zähneknirschen eher als normale Stressbewältigung gewertet, die sich bei vielen Kindern kurz nach dem Zahnwechsel einfach „verwächst“. Eine Behandlung ist deshalb im Kindesalter meist noch nicht angezeigt.

Woran können Sie erkennen, ob Sie knirschen oder pressen?

Wer tagsüber die Zähne zusammenpresst, kann das ohne weiteres wahrnehmen, sobald sie oder er einmal darauf achtet. Nächtliches Zähneknirschen ist eine andere Sache – aber auch hierfür gibt es Indizien.

Da sind zunächst einmal die Knirsch- oder Klappgeräusche, die insbesondere ein im gleichen Bett schlafender Partner ohne weiteres hören kann. Fragen Sie danach – bzw. sprechen Sie Ihren knirschenden Partner darauf an.

Wenn Sie morgens aufwachen und Zähne oder Kaumuskeln schmerzen, der Kiefer sich verspannt anfühlt, eventuell sogar beim ersten Öffnen des Mundes knackt, Sie Nackenschmerzen oder in der Schläfenregion lokalisierte Kopfschmerzen haben, sind das ebenfalls Hinweise auf nächtlichen Bruxismus.

Woran erkennt der Zahnarzt Bruxismus?

Zahnärzte erkennen einen Knirscher recht zuverlässig an den charakteristischen Abnutzungserscheinungen der Zähne bzw. Zahnrestaurationen.

Erste typische Anzeichen sind abgeflachte Spitzen der Eckzähne, ausgemuldete Rückflächen und abgenutzte oder abgesplitterte Schneidekanten der Frontzähne. Im Unterschied zu den bei Schmelzerosion z.B. durch Säuren entstehenden eher rauen Schmelzfehlstellen sind die Schliffflächen bei Bruxismus durch das übermäßige Aneinanderreiben von Schmelzflächen spiegelnd glatt.

Bei starken Knirschern zeigen sich feine Risse im Zahnschmelz. Manchmal sind auch Zahnabdrücke an den Innenseiten der Wangen bzw. am Zungenrand zu bemerken. Eventuell ist die Kaumuskulatur auffällig ausgeprägt (Ärzte nennen das „hypertrophiert“). Im Zusammenhang mit den anderen erwähnten Symptomen deuten weiterhin auch freiliegende Zahnhälse auf ein Bruxismus-Problem hin.

Welche Folgen hat Bruxismus?

Bruxismus führt zunächst einmal zu den bereits beschriebenen Schäden an der Zahnhartsubstanz: Untherapierte, heftige Knirscher können sich ihre Zähne frakturieren oder buchstäblich „bis auf den Docht“ wegschmirgeln.

Darüber hinaus kann es eine Reihe von weiterreichenden Folgen geben. Starke Knirscher haben mitunter Abnutzungserscheinungen am Kiefergelenk im Sinne einer Arthrose. Ausgeprägte Verspannungen der Kaumuskulatur können zudem bis in Kopf, Hals und Brust ausstrahlen und weitreichende Schmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit verursachen.

Was sind die Ursachen von Bruxismus?

Fachleute diskutieren verschiedene Ursachen für das dysfunktionale Knirschen und Pressen – ganz geklärt ist die Entstehung von Bruxismus allerdings nicht, und von Patient zu Patient mögen unterschiedliche Aspekte eine Rolle spielen.

Früher wurden bestimmte Normvarianten der Okklusion (Okklusion beschreibt die Art, wie die Zähne der Zahnbögen von Ober- und Unterkiefer beim Zubeißen in Kontakt kommen) für die Entstehung von Bruxismus verantwortlich gemacht. Diese Hypothese ist mittlerweile in den Hintergrund getreten, weil in Studien bislang keine eindeutigen Zusammenhänge dieser Art gefunden werden konnten – man hört sie allerdings insbesondere von praktizierenden Kieferorthopäden noch recht häufig… Im übrigen gibt es kaum Zweifel daran, dass erworbene Okklusionsstörungen – wie etwa ein in eine Zahnlücke gekippter Zahn oder eine schlecht eingepasste Zahnkrone – tatsächlich zum Trigger für das nächtliche Knirschen werden können. In diesem Zusammenhang sind als mögliche Ursache auch kieferorthopädische Behandlungen zur Korrektur der Zahnstellung zu erwähnen, deren Endergebnis mitunter eine unphysiologische Okklusion sein kann.

Als eine wahrscheinlich wichtige Ursache von Bruxismus macht die moderne Fachliteratur komplexe Störungen der Neurotransmitterbalance im zentralen Nervensystem fest – eine schwammige Formulierung, die eigentlich nur illustriert, wie wenig wir nach wie vor wissen.[3] Für diese Hypothese spricht unter anderem, dass bestimmte Medikamente (Antidepressiva), Genussmittel (Nikotin) und Drogen (Amphetamine), die in den Neurotransmitterhaushalt eingreifen, auch Bruxismus hervorrufen können – Raucher bruxen beispielsweise etwa doppelt so häufig wie Nichtraucher.

Gerade praktizierende Zahnärzte haben allerdings wenig Zweifel daran, dass die naheliegendste und häufigste Bruxismus-Ursache Stress sein dürfte: Das nächtliche Zähneknirschen und Pressen scheint für viele Patienten einfach ein Ventil für die tagsüber aufgestauten psychischen Belastungen zu sein. Arbeitsüberlastung, familiärer Stress und zu wenig körperliche Bewegung lassen den Pegel der Stresshormone Adrenalin und Cortisol steigen. Dies übersetzt sich unter anderem in einen erhöhten Muskeltonus und gestörte Schlafrhythmen – das Ergebnis ist in vielen Fällen Bruxismus.

Bruxismus-Therapie bei MeinZahn

Reparieren

Die Bruxismus-Therapie bei MeinZahn umfasst zunächst einmal die Reparatur der entstandenen Schäden an der Zahnhartsubstanz: Versiegelung von Rissen und freiliegenden Zahnhälsen, Wiederaufbau abgeschmirgelter Zahnkronen zur Wiederherstellung der ursprünglichen Bisshöhe, Reparatur bzw. Ersatz defekter Restaurationen.

Schützen und Korrigieren

Um Ihre Zähne in Zukunft besser zu schützen, empfehlen wir Ihnen die Schienentherapie: Die sogenannte Knirscherschiene, eine nach einer Abformung eines Ihrer Zahnbögen individuell für Sie angefertigte Aufbissschiene aus transparentem biokompatiblem Kunststoff, wird nachts getragen. Sie bringt eine Schicht Kunststoff zwischen die beiden Zahnreihen und verhindert so den Abschliff von Zahnhartsubstanz. Die „Aufstockung“ der gewohnten Zahnhöhen durch die getragene Schiene kann darüber hinaus auch eine Unterbrechung der unwillkürlichen nächtlichen Knirsch-Bewegungsmuster bewirken und so Verspannungen der Muskulatur lösen.

Die sogenannten Entspannungsschienen oder Reflexschienen gehen noch einen Schritt weiter: Diese Schienen haben ein zentrales oder zwei symmetrisch seitliche erhöhte Plateaus, so dass jeweils nur bestimmte Zähne oder Zahngruppen des Gegenkiefers überhaupt Kontakt mit der Schiene haben können. Damit verhindern solche Schienen das breitflächige nächtliche Zusammentreffen der beiden Zahnbögen komplett, unterbrechen dysfunktionale Regelkreise und führen so insbesondere bei gewohnheitsmäßigem Zähnepressen recht zuverlässig zu einer Entspannung des Unterkiefers. Im Gegensatz zur Knirscherschiene, die Sie jahrelang begleiten kann, sollte eine Entspannungsschiene allerdings nur temporär im Sinne einer „Umerziehung“ der Muskulatur getragen werden, da Nebenwirkungen auf Zähne und Kiefer nicht ausgeschlossen sind.

Bei heftigen Knirschern kann eine Äquilibrierungsschiene erfolgreich sein: Beißt der Träger die Zähne zusammen, fixiert die Schiene sie (fast) ohne seitlichen Bewegungsspielraum in einer bestimmten, gesunden Position. Damit verhindert sie die mahlenden Knirschbewegungen und trainiert der Kiefermuskulatur ein normales Bewegungsverhalten an.

Vorbeugen

Keine Knirschertherapie ist ohne Nachdenken über die möglichen persönlichen Ursachen ganz komplett. Ist Stress als Auslöser wahrscheinlich, wäre es gut, wenn Sie sich ausgleichende Techniken zur Stressbewältigung aneignen könnten, die Sie in Zukunft weniger Zahnsubstanz kosten. Gehen Sie spazieren oder wandern, treiben Sie Sport, machen Sie vor dem Schlafengehen autogenes Training oder Yoga – die Möglichkeiten sind vielfältig. Wir wissen natürlich auch, wie schwer es sein kann, im Alltag Zeit für sich zu finden – versuchen Sie es trotzdem … nicht nur Ihren Zähnen zuliebe!

[1]A.U.J. Yap, A.P. Chua: Sleep bruxism: Current knowledge and contemporary management Journal of Conservative Dentistry 10.9.2016 https://www.jcd.org.in/article.asp?issn=0972-0707;year=2016;volume=19;issue=5;spage=383;epage=389;aulast=Yap

[2]A.U.J. Yap, A.P. Chua: Sleep bruxism: Current knowledge and contemporary management Journal of Conservative Dentistry 10.9.2016 https://www.jcd.org.in/article.asp?issn=0972-0707;year=2016;volume=19;issue=5;spage=383;epage=389;aulast=Yap

[3]G.D. Klasser et al.: Sleep Bruxism Etiology: The Evolution of a Changing Paradigm Journal of the Canadian Dental Association 9.1. 2015 https://jcda.ca/article/f2

 


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